Standpunkt vor 25 Tagen

nanoFlowcell® quo vadis?

Wo viele noch einen Sportwagenhersteller vermuten, sehen andere das Energieunternehmen der Zukunft. Der CEO der nanoFlowcell Holdings, Nunzio La Vecchia, spricht über die Zukunft der nanoFlowcell® und das Henne-Ei-Problem.

Herr La Vecchia, in Genf hatten Sie mit dem QUANT 48VOLT eine beeindruckende Demonstration eines Niedervoltantriebs für Elektrofahrzeuge. Wie hat die Automobilindustrie darauf reagiert?

In der Tat zeigt der QUANT 48VOLT eindrucksvoll, was heutzutage im Niedervoltbereich möglich ist. Unsere Technologie ist allerdings selbst dem Anspruchsdenken in der Automobilindustrie noch ein paar Schritte voraus, denn dort plant man immer noch mit teuren und komplexen Hochvoltantrieben und Batterietechnologien von vorgestern. Doch wir wollen ja keine Niedervoltmotoren verkaufen, sondern ein nanoFlowcell 48VOLT Antriebssystem. Dieses besteht beim QUANT 48VOLT aus vier leistungsstarken Niedervoltmotoren, die es so noch nicht am Markt gibt, sowie der ersten mit sechs Membranen bestückten nanoFlowcell®. Diese Flusszelle ist der Kern unserer Forschung, alles andere ist applikationsgetriebene Entwicklung. In dieser Hinsicht haben wir noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Das Prinzip der nanoFlowcell® - ein auf der Flusszellentechnologie basierender Energiespeicher - ist ja nun nicht neu im QUANT 48VOLT. Worin begründet sich der Fortschritt?

Das technologische Prinzip ist das gleiche wie bei dem nanoFlowcell®-Antrieb im QUANT E von 2014, jedoch haben wir sehr viele, sehr wichtige technische Detaillösungen entwickelt, die für die Serientauglichkeit des nanoFlowcell®-Antriebs entscheidend sind. So ist es uns erst Ende vergangenen Jahres gelungen, die Flusszelle messregeltechnisch steuerbar zu machen, was uns in Folge auch den Einsatz mehrerer Zell-Membranen erlaubt, was zusätzlich zu einer größeren Membranoberfläche und somit wiederum zu einer größeren Systemleistung führt und damit den Einsatz von Superkondensatoren - sogenannten Super Caps - überflüssig macht. Letzteres war eine wichtige Vorgabe seitens der Automobilindustrie, da diese Bauteile sehr teuer sind. Aktuell arbeiten wir an der softwareseitigen Steuerung eines Flusszellen-Bundles, welches im QUANT 48VOLT zum Einsatz kommen soll. Im Falle des QUANT 48VOLT können wir dann die Leistung der Flusszelle zwischen 0 und 300kWh variabel steuern.

Glauben Sie, dass dieser Entwicklungsschritt der Durchbruch für automobile Anwendungen der nanoFlowcell® darstellt?

Ganz sicherlich können wir mit dem nanoFlowcell® 48VOLT Antrieb derzeit in allen wichtigen Punkten trumpfen: das System ist kostengünstig produzierbar, auch in Serie; es ist umweltgerecht in der Anwendung und bietet eine einzigartige inhärente Sicherheit; zudem ist es kompakt und nicht schwerer als andere Fahrzeugantriebe. Wir bieten der Automobilindustrie also viele positive Argumente, um nanoFlowcell® 48VOLT Antriebe in ihre langfristige Produktplanung aufzunehmen.

Wieso gehen Sie diesen Schritt nicht selber und produzieren Fahrzeuge? Tesla hat gezeigt, dass dies von "0 auf 100" machbar ist.

Dies scheint eine naheliegende Option, doch wir wollen nicht selber als Fahrzeughersteller aktiv werden. Dies bringt viele Komplikationen mit sich, von denen sicherlich auch Tesla ein Lied singen kann. Schauen Sie, einen Prototyp zu bauen, um der Industrie damit die Funktionsweise der Flusszelle für mobile Verwendungen zu demonstrieren ist eine Sache, eine Serienproduktion und ein internationales Distributionsnetzwerk aufzubauen hingegen etwas völlig anderes. Die Energie und Aufmerksamkeit, die ein solches Unterfangen erfordert, würde uns an anderer Stelle fehlen. Denn unsere Expertise liegt in der Forschung und Entwicklung von Flusszellen als Energieträger. Hierin sind wir international führend und diese technologische Führungsposition wollen wir ausbauen, indem wir weitere Applikationen für die nanoFlowcell® Flusszellentechnologie erschließen.

Die Fortschritte, die wir in der automobilen Anwendung der nanoFlowcell® erzielt haben, kommen uns auch auf anderem Gebiet zu gute. Eine größere Membranoberfläche, die Verwendung von Multi-Membran-Konstellationen und auch die größere Energiedichte bei bi-ION lassen sich übertragen: wir sind nun in der Lage, eine Flusszelle so zu skalieren, dass sie variabel und autark den Strombedarf einer ganzen Gemeinde abdecken kann.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung Ihres Unternehmens?

Wir haben eine mobile Anwendung für die nanoFlowcell® gewählt, nicht nur weil ich Auto-Enthusiast bin, sondern weil wir hier ganz deutlich die Vorteile unserer nanoFlowcell® Flusszellentechnologie gegenüber anderen Redox-Flusszellen/-systemen abgrenzen können - sowohl was die Leistung, Kompaktheit und Wirtschaftlichkeit betrifft. Auch wird die nanoFlowcell® als alternative Energieform im Automobilbau emotionaler diskutiert, als beispielsweise im Hausbau als Stromaggregat. Doch genau hier liegt die Zukunft unserer Technologie. Das Gros werden stationäre Anwendungen sein. Wir haben uns in der Kommunikation zwar auf das Automobil konzentriert, weil es einfach mehr Menschen anspricht, doch es dürfte jedem klar sein, dass eine nanoFlowcell®-Flusszelle, die so viel Energie liefert, um damit einen Elektro-Sportwagen über die Rennstrecke zu jagen, diese Leistung auch anderswo erbringen kann. Die Selling-Story unserer Technologie ist nicht allein den Antrieb von Elektrofahrzeugen zu revolutionieren, als Energieträger wird nanoFlowcell® ein unverzichtbarer Bestandteil im Mix nachhaltiger Energien werden und aktiv die Energiewende - die Abkehr von fossiler und nuklearer Energie hin zu regenerativen Energien - unterstützen.

Ein hehrer Anspruch. Wie kann ich mir den Einsatz von nanoFlowcell® in einer stationären Anwendung vorstellen?

Viele Verbraucher produzieren bereits ihren eigenen Strom - beispielsweise über Blockkraftwerke oder Solaranlagen. Gerade bei steigenden Energiepreisen sehnen sich viele nach Energieautonomität, doch sie scheuen noch die Ausgaben für die dazu notwendige Technik. Für einen einzelnen Haushalt ist netzautarkes Leben theoretisch sicherlich möglich, bislang aber technisch und wirtschaftlich eher anspruchsvoll. Wir, die nanoFlowcell Holdings, wollen hier eine einfache Lösung aufzeigen - technologisch wie wirtschaftlich.

Schauen Sie, das nanoFlowcell®-Aggregat im QUANT 48VOLT liefert aktuell eine mögliche Dauerleistung von 300kWh; entsprechend der Verfügbarkeit von bi-ION kann Strom erzeugt werden. Anstatt Elektromotoren zu versorgen, kann dieser Strom auch dazu genutzt werden, um den heimischen Haushalt zu versorgen. Für die häusliche Anwendung stellen Sie sich bitte die nanoFlowcell® als ein mikrowellengroßes Strom-Aggregat vor, das von einem Tank in der Größe eines herkömmlichen Öltanks mit umweltgerechtem bi-ION versorgt wird. Mit diesem nanoFlowcell®-Aggregat kann der gesamte Strombedarf eines Hauses abgedeckt werden oder aber der einer ganzen Gemeinde! Denn das nanoFlowcell®-Stromaggregat ist je nach Verbrauchergröße skalierbar. Vollkommen netzautark. Kostengünstig in der Installation, umweltgerecht, geräuscharm und ohne schädliche Emissionen.

Wir sehen, dass es derzeit meist kleine Gemeinden und Ortsteile sind, die es vorziehen, ihren Strom mittels Biogasanlage, Wind- oder Solarpark selber zu erzeugen. Das heißt aber nicht, dass sie sich völlig netzautark selber mit Strom versorgen können. Es bedeutet eher, dass die Orte rechnerisch zwar mehr regenerativ erzeugten Strom produzieren können, als sie selbst verbrauchen, aber zu manchen Tages- oder Jahreszeiten doch auf Strom-Importe angewiesen sind. Um dennoch unabhängig von den großen Stromerzeugern und Netzbetreibern zu sein, könnte hier ein zentrales nanoFlowcell®-Stromaggregat zugeschaltet werden, wenn es gilt Spitzen im Stromverbrauch abzufangen. Das Zuschalten des nanoFlowcell®-Stromaggregats funktioniert dabei so einfach wie das Starten eines nanoFlowcell®-betriebenen Elektrofahrzeugs - unmittelbar und ohne Anlaufphase, völlig integrierbar in die lokale Elektroinfrastruktur.

Verbraucher - Privathaushalte und Gemeinden - die sich bislang nicht zu 100 Prozent auf regenerative Energien verlassen wollten, weil sie bei wolkenverhangenem Himmel oder Windstille Stromausfälle befürchten mussten, können mit einem nanoFlowcell®-Stromaggregat eine verlässliche und unterbrechungsfreie Stromversorgung absichern. Die Energiewende kann also Fahrt aufnehmen.

Bedeutet die Stromversorgung durch eine nanoFlowcell®-Aggregat die Integration von Auto und Haus?

Nein, nicht notwendigerweise. Auto ist Auto und Haus ist Haus. Jedoch ist das bi-ION, das im Auto verfahren wird, das gleiche, das im Haus genutzt wird, um damit Strom zu erzeugen. Das heißt, man könnte sein nanoFlowcell®-Fahrzeug theoretisch auch daheim betanken.

Ob ein zukünftiges nanoFlowcell®-betriebenes Elektroauto jedoch über einen separaten, externen Stromanschluss verfügen wird, um damit externe Stromverbraucher zu betreiben, wird dem jeweiligen Automobilhersteller obliegen. Theoretisch wäre dies möglich. Dann könnte das Fahrzeug genutzt werden, um Strom dem Haushalt zuzuliefern. Das 2 x 250 Liter Tankvolumen im QUANT 48VOLT würde immerhin ausreichen, um einen durchschnittlichen 2-Personen-Haushalt fast vier Monate mit Strom zu versorgen. Für einen 2-Personen-Haushalt mit einem jährlichen Bedarf von rund 2.500 kWh müsste die Flusszelle jedoch nicht so groß dimensioniert sein wie beim QUANT 48VOLT (300kWh). Denn selbst wenn alle Stromfresser im Haushalt - Fön, Wasserkocher, Waschmaschine, Wäschetrockner, Herd, Geschirrspülmaschine, Flachbildschirm, Kühlschrank und Licht - gleichzeitig aktiv wären, läge der Spitzenverbrauch noch unter 20kWh.

Ein nanoFlowcell®-Stromaggregat für Zuhause, ähnlich dem Tesla Powerwall oder Mercedes-Benz Energiespeicher Home?

Nicht ganz. Während die Varianten von Tesla und Mercedes nichts anderes als wiederaufladbare Batterien (Akkumulatoren) sind, die im Zyklus Solarenergie speichern und wieder abgeben, produziert nanoFlowcell® Strom, unabhängig ob die Sonne scheint oder Wind weht. Und dies zudem noch völlig umweltgerecht, was reguläre Akkumulatoren nicht von sich behaupten können. Die Elektrolytflüssigkeit bi-ION ist nicht regenerativ und wird entweder nach Gebrauch vor Ort gefiltert und anschließend als Brauch-/Abwasser behandelt oder aber die verbrauchte Elektrolytflüssigkeit wird bei Anlieferung von frischem bi-ION abgepumpt und zentral wieder aufbereitet. Die Produktvorteile von bi-ION, die für mobile Anwendungen gelten, treffen selbstverständlich auch für die Verwendung in einem stationären Stromaggregat zu: nicht explosiv, nicht brennbar, ungiftig und umweltneutral. Wichtig im stationären Gebrauch ist zudem die lange Haltbarkeit der Elektrolytflüssigkeit und ihre kaum vorhandene Selbstentladung sowie die langlebige und wartungsarme Technik der nanoFlowcell® an sich.

Was kommt eher, nanoFlowcell® im Haus oder im Auto?

Nun, wir haben die Anwendung der nanoFlowcell®-Technologie im Elektroautomobil priorisiert, weil wir uns dadurch eine schnellere Verbreitung der Technologie erhofft hatten, auch damit Verbraucher über die Anwendung im Elektroauto bereits mit unserer Technologie vertraut sind, bevor wir häusliche nanoFlowcell®-Stromaggregate auf den Markt bringen. Wir haben aber festgestellt, dass wir hier parallel denken und handeln müssen. Für Automobilhersteller ist sicherlich die Bereitstellung und Distribution von bi-ION ein Thema, das wir nicht von der Hand weisen können. Der Business-Case für mögliche Franchise-Partner im Zusammenhang mit der bi-ION Produktion und Distribution ist wirtschaftlich solide, doch mitunter komplex in der Diskussion. Wir müssen ein Henne-Ei-Problem lösen, mit dem wir uns derzeit in den Gesprächen mit der Automobilindustrie konfrontiert sehen: Tankstellennetzbetreiber sehen nicht die Notwendigkeit auf bi-ION umzurüsten, wenn es noch keine nanoFlowcell®-Fahrzeuge gibt, doch es werden keine nanoFlowcell®-Fahrzeuge gebaut, solange es keine bi-ION Distribution gibt.

Gewiss, es ist weniger komplex und schneller umsetzbar, von einer zentralen Produktionsanlage aus, Haushalten und Gemeinden mit bi-ION für nanoFlowcell®-Stromaggregate zu beliefern - über Tankwagen, ähnlich wie dies bei Ölheizungen mit den Öllieferungen geschieht - als eine flächige automobile bi-ION Infrastruktur zu installieren. Vor allem ist es zielführender, als sich in der Diskussion mit Industrieverantwortlichen über das Henne-Ei-Problem im Kreis zu drehen. Ich bin sicher, sobald die industrielle Großproduktion und Distribution von bi-ION für allgemeine stationäre nanoFlowcell®-Anwendungen etabliert ist, wird es nicht lange dauern, bis die Automobilindustrie nachzieht. Zugegeben, ich war überrascht, dass die Automobilindustrie beim dem Thema umweltgerechte Energien für eine nachhaltige E-Mobilität, wo industrieseitig ökologischer Weitblick gefragt ist, derart zögerlich handelt.

Wollen Sie dem Elektro-Automobil den Rücken kehren?

Nein, sicherlich nicht. Die nanoFlowcell® Flusszelle ist die perfekte Energie für eine kompromisslose Elektromobilität. Für uns war von Anfang an klar, dass die Anwendung von nanoFlowcell® in Elektrofahrzeugen wie dem QUANT 48VOLT und dem QUANTiNO wesentlich attraktiver für die Kommunikation unserer Energietechnologie ist, da das Thema Elektromobilität wesentlich emotionaler diskutiert wird, als beispielsweise ein Stromaggregat für das eigene Zuhause oder für ein Container-Schiff. Doch unsere Leidenschaft gilt der nachhaltigen Energie - der nanoFlowcell® - nicht einer bestimmten Anwendung. Mit dem Fokus auf die Elektromobilität haben wir in der Außenwirkung unsere Positionierung als Unternehmen sehr eingeschränkt. Dies geht so weit, dass wir als Automobilhersteller wahrgenommen werden, der wir nicht sind. Wir werden folglich zukünftig stärker das Gesamtpotenzial der nanoFlowcell® hervorheben - das Leistungspotenzial der nanoFlowcell® als bedeutende Energiequelle im Mix der nachhaltigen Energien.

Vielen Dank für das Gespräch

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