Technologie vor 74 Tagen

Flusszellen-Power: 1.000 km in 8:21 Stunden

Weiter? Schneller? Umweltgerechter? Kein Elektroauto fährt 1.000 km in 8:21 Stunden! Doch, wenn es QUANTiNO heißt und einen Flusszellenantrieb hat.

Es ist der frühe Abend eines späten Dezembertages, als Vertreter der nanoFlowcell Entwicklungsabteilung mit den Ingenieuren eines führenden asiatischen Automobilherstellers in Zürich zusammentreffen. Die unregelmäßig stattfindenden Technologie-Updates mit der Industrie sind allgemein fern von Routine, doch an diesem Abend sollte es ein ganz besonderes Zusammentreffen werden. Man sitzt an gedecktem Tisch und interessiert folgt die Delegation den Ausführungen von Nunzio La Vecchia, dem Chief Technology Office der nanoFlowcell Holdings, als dieser ihnen die Bedeutung der jüngsten Forschungsfortschritte seines Unternehmens erläutert.

Vergangenen Oktober hatte die nanoFlowcell Holdings einen Durchbruch in der Flusszellenforschung gemeldet: Endlich war es gelungen, Flusszellen messregeltechnisch steuerbar zu machen. Erste Testversuche im QUANTiNO bestätigten die uneingeschränkte Dynamik und Stabilität des Antriebssystems auch ohne Superkondensatoren. Der Wegfall der Superkondensatoren, die bis dahin als Pufferspeicher zur Regelbarkeit des Energieflusses bei mobilen Anwendungen eingesetzt wurden, ermöglicht eine enorme Gewichts- und Kostenreduktion im Design von elektrifizierten Antriebssystemen. Im Klartext heißt das: Elektroautos können zukünftig weniger kosten als heutzutage Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor - und weitaus weniger als aktuelle Elektroautos.

Weltweit erste messregeltechnisch steuerbare Flusszelle. Vorläufige Position der Flusszelle im Testwagen. Bei einem Serienfahrzeug würde die Zelle im Heck oder der Front verbaut werden.

In den vergangenen Monaten waren die Entwicklungsingenieure der nanoFlowcell Holdings damit beschäftigt, den elektrischen Antrieb im QUANTiNO weiter zu verschlanken und die neuprogrammierte VCU für die direkte Steuerung der Flusszelle zu testen. Letzte Testversuche mit dem neu designten nanoFlowcell-Antriebssystem sollen nun seine Serientauglichkeit bestätigen.

Serientauglichkeit ist ein wichtiger Bewertungsfaktor für den Erfolg einer neuen Automobiltechnologie, doch steht diese immer auch in Zusammenhang mit der Leistung und den Produktionskosten dieser Technologie. Wieviel Mehrkosten sind für wieviel Fortschritt angemessen? Im vorliegenden Fall der neuen nanoFlowcell-Systemarchitektur führt technologischer Fortschritt zu einem Mehr an Leistung bei einer gleichzeitigen Senkung des Kostenniveaus. Dies passiert so selten im Automobilbau, dass sich das weitere Gespräch an diesem Abend hierauf konzentrierte.

Wieviel ist geblieben von der Reichweite, der Höchstgeschwindigkeit und dem Durchzug des QUANTiNO, nun da die Flusszelle die Motoren direkt mit Energie versorgt? In den Fragen der Ingenieure klingt immer wieder Skepsis durch; für sie sind die technischen Ausführungen La Vecchias zur direkt steuerbaren Flusszelle nachvollziehbar, allerdings scheint das Leistungsvermögen des QUANTiNO zu abstrakt, als dass sie nur Worten Glauben schenken wollen. Ja, Kostenreduktion ist gut, doch ohne Superkondensatoren? Kurzerhand wird das Dinner-Menü umgestellt und anstatt eines Desserts soll nun eine Ausfahrt mit dem QUANTiNO den Abend beschließen. Draußen sind es eisige vier Grad unter Null. Der ursprünglich im Kalender eingetragene Termin „Präsentation nanoFlowcell-Update und gemeinsames Abendessen“ war für drei Stunden angesetzt – etwaige Verzögerungen mit eingekalkuliert. Soweit der Plan. Doch keiner will sich eine Testfahrt im QUANTiNO ohne Superkondensatoren entgehen lassen.

Spontan werden Vorbereitungen für eine Autobahntestfahrt mit dem QUANTiNO getroffen. Der Wagen steht in der QUANT Testwerkstatt nahe Zürich und wartet dort auf die Abnahme für die am Folgetag angesetzte interne Testfahrt. Der Systemcheck fällt daher kurz aus. Noch vier Minuten zum Volltanken und los geht’s.

Die anfängliche Skepsis der „Gastfahrer“ schlug bereits nach den ersten 600 Kilometern in Begeisterung um. Nach 800 Kilometern ist man der vollen Überzeugung, dass eine vergleichbare Leistung mit der derzeitigen Technologie im Elektroautomobilbau nicht realisierbar ist. Einmal hinter dem Steuer lässt man es sich aber nicht nehmen, den Flusszellensportler so lange zu fahren, bis das Versprechen des Unternehmens eingelöst ist und der QUANTiNO das Fahrstreckenziel von 1.000 Kilometern erreicht hat – nach ganzen 8 Stunden und 21 Minuten. Auf einer Teststrecke wären die 1.000 Kilometer in weniger Zeit bewältigt worden, doch auf Schweizer Autobahnen gilt eine rigorose Geschwindigkeitsbeschränkung von 120 km/h.

Den Gesichtern ist die lange Nacht anzusehen, doch gleichzeitig hält das Adrenalin der anhaltenden Euphorie wach. Man wurde schließlich Zeuge eines stillen Weltrekords. Die Ingenieure wissen, eine solche Fahrtstrecke ist für herkömmliche Elektrofahrzeuge unerreichbar – nicht mit der Geschwindigkeit, nicht in der Kürze der Zeit, einfach technisch derzeit nicht möglich.

Kostengünstige Reichweite, ein leistungsstarker, umweltgerechter Antrieb ohne schädliche Emissionen sowie bequemes und schnelles Nachtanken von nachhaltig produzierten und sicheren Energieträgern – das ist die Forderung der Politik für die Individualmobilität der Zukunft, mit der sich die Industrie jedoch immer noch schwer tut.

Mit dem QUANTiNO hat die nanoFlowcell Holdings das technische Leistungsvermögen ihrer Flusszellentechnologie erneut beweisen können. Den Gast-Ingenieuren ist daran gelegen, wichtige Fragen nach der Umsetzbarkeit der Antriebstechnologie zu erörtern. La Vecchia und sein Team wissen, dass sich die Frage nach der Henne und dem Ei nicht auf dem Papier lösen lässt: was kommt zuerst, die Tankinfrastruktur für die Elektrolytlösung bi-ION oder das Elektrofahrzeug mit nanoFlowcell-Antrieb?

Mögliche Szenarien werden derzeit mit verschiedenen Industrievertretern "im kleinen Kreis" diskutiert. Was viele Partner erst im Laufe des Prozesses begreifen ist dem nanoFlowcell-Team längst klargeworden: die jetzt folgenden Herausforderungen sind nicht technischer Natur. Es geht nicht einfach nur um die Integration der nanoFlowcell®-Technologie in das EV-Line-up eines oder mehrerer Automobilkonzerne, sondern darum, dass nanoFlowcell-Technologie "tabula rasa" mit dem vorherrschenden Elektromobilitätsdenken macht - mit individuellen Stromstationen, verschieden ausgelegten Steckdosen und unterschiedlich genormten Steckern. Die Elektromobilität ist tot, lang lebe die Elektromobilität! In der Konsequenz müssten milliardenschwere Investitionen, die bis dato seitens der Politik und der Industrie in Dead-end-Technologien getätigt wurden - wie beispielsweise in Lithium-Ionen-Batterien, Brennstoffzellen oder sogenannten Bio-Kraftstoffen - abgeschrieben werden. Wer ist dazu bereit - noch dazu den Anfang zu machen?

Für La Vecchia ist klar: nanoFlowcell® ist eine radikale Innovation und eine kompromisslose win-win-Technologie für Umwelt, Verbraucher und Industrie. Dennoch findet Umdenken in den Köpfen der Verantwortlichen nur langsam statt. Der Druck, vorteilhafte Veränderung im Interesse der Umwelt und der Gesellschaft vorzunehmen, ist allgegenwärtig spürbar, doch für die Akteure noch nicht schmerzhaft genug, als dass ernsthafte Konsequenzen gezogen werden.

Bei der nanoFlowcell Holdings zeigt man sich davon nicht entmutigt, sondern sieht dies als eine zusätzliche Herausforderung. Die Euphorie der Nacht berauscht. Nachdem die Herstellerdelegation verabschiedet wurde, fährt der Chefingenieur noch eine Ehrenrunde, bis die 190 Liter in den Tanks des Stromers restlos verbraucht sind. Ganze 1.401 Kilometer Reichweite schafft der QUANTiNO 48VOLT mit 2 x 95 Litern bi-ION – das ist derzeit nur mit einer Flusszelle möglich. Die letzten Kilometer bis zum F+E Center der nanoFlowcell Holdings werden per Anhänger zurückgelegt. Hier arbeitet man bereits an einer neuen Generation von QUANT Flusszellenantrieben, die bald schon Einblick in die Elektromobilität der nahen, sehr nahen Zukunft geben werden.

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